Dem eigenen Ruf (zum Schreiben) folgen
Vor vielen Jahren hatte ich eine große Vision: Ich wollte vom Schreiben leben können. Ich bin heute ungefähr so weit davon entfernt wie damals. Auch wenn mich dieser Ruf vor über 10 Jahren dazu gebracht hat, meine Schreibstimme zu finden, so bin ich - an dieser Vision gemessen - gescheitert. Zwar habe ich mittlerweile knapp 100 Bücher verkauft, doch ich habe noch nicht mal meine Kosten wieder herein geholt.
Manchmal kommen mir Zweifel: Jedes Jahr überschwemmen ca. 70.000 Bücher den deutschen Markt. Wie soll ich das schaffen, so sichtbar zu werden, dass meine Vision Realität werden kann? Ich weiß, dass manche vom Schreiben leben können. Ich weiß, dass das, wie jede berufliche Selbständigkeit ein paar Jahre braucht, auch wenn man sich stark engagiert.
Wahrscheinlich müsste ich mehr Disziplin haben. Zielgerichteter werden. Oder einfach andere Prioritäten setzen. Mich aktiv auf Social Media engagieren, Lesungen anbieten oder wenigstens regelmäßig hier auf meiner Webseite Blog-Artikel posten.
Doch mir fehlt die Zeit und die Kraft, um das so anzugehen, wie es vielleicht nötig wäre. Wenn ich ein anderer Mensch wäre und meine aktuelle Lebenssituation nicht so herausfordernd wäre, dann wäre vielleicht alles anders. Aber ich bin, wie ich bin. Und meine Leben ist, wie es ist.
Dann denke ich an meine Geschichten. In ihnen geht es nie um Aktionismus, um Zielorientierung oder Erfolg. Meine Geschichten handeln davon, los zu gehen, sich auf die Suche zu begeben und darauf zu vertrauen, dass sich etwas verändern wird, wenn man nur los geht.
Es fällt auch mir schwer, dem zu glauben. Zu sehr ist unsere Gesellschaft auf Machen ausgerichtet, auf Optimierung und Zielerreichung. Und doch, jedes Mal, wenn ich eine meiner Geschichten schreibe, spüre ich, wie wohl es mir tut, mich in diese “weibliche” Energie zu begeben.
Und wie glaubwürdig wäre ich, wenn ich meinen eigenen Geschichten nicht vertrauen würde? Nicht der Weisheit folgen, die darin versteckt ist? Das Suchen gehört dazu wie das Nicht-Finden. Die Verzweiflung, das Aufgeben, aber auch das immer wieder weitergehen. Den eigenen Weg verlieren und wieder finden.
So ist es auch mit meinem Schreiben. Immer wieder verliere ich den Faden, höre ich meinen eigenen inneren Ruf nicht mehr. Weil ich Geld verdienen muss. Weil ich mich um unseren Alltag, meinen Mann und meinen Hund kümmern muss und möchte.
Doch ich werde weiter schreiben. Tastend. Stockend. Zweifelnd. Blockiert und doch immer wieder im Flow. Bestärkt von denen, die meine ungewöhnlichen Geschichten gelesen haben und berührt sind. Von der Tiefe. Von der Weisheit, die darin steckt.
Ich werde immer wieder schreiben. In meinem Tempo, in meinen Schritten. Mich verirren, Neues ausprobieren, Umwege machen.
Doch immer wieder meinem inneren Ruf folgend, der mich vor über 10 Jahren auf meinen Weg geschickt hat. Und ich lasse mich selbst überraschen, wohin mich dieser Weg führen wird.